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Dienstag, 25. Oktober 2011

Geschichte des Telefons


Das Reis-Phone

Was Steve Jobs gelang, wäre Philipp Reis vielleicht auch gelungen, aber es fehlten ihm der Geschäftssinn und die verständige Umgebung. Eine Erinnerung an den glücklosen Deutschen, der vor 150 Jahren das Telefon erfand.
Der Artikel stammt aus der Zeit Online, Ressort Geschichte, Vielen Dank an die Redakteure 
Johann Philipp Reis mit einem Telefon (Radierung von J. D. Cooper, 1862)

Er ist einer unserer Besten gewesen – können wir das ganz patriotisch mal so sagen? Ein Deutscher, der im 19. Jahrhundert das Medium der Moderne entwickelt! Offen, wissbegierig, geschickt, ohne akademische Weihen, ohne großes Geld, und seine Erfindung verändert die Welt!

Ach, es wäre eine so schöne Geschichte, aber sie geht etwas anders. Sie spielt eben nicht im quicken Amerika, sondern in einem vielfach geteilten Deutschland, an dessen inneren Grenzen noch jeder Zwieback zollpflichtig ist, in einer Ständegesellschaft mit wenig durchlässigen Sphären. Verweile ein jeder dort, wo er sich befindet: Schuster, bleib bei deinem Leisten! Was hätte ein Steve Jobs unter solchen Umständen erreichen können?


So müssen wir ganz unpatriotisch einräumen: Philipp Reis, der als erster Mensch gesprochene Worte durch einen elektrischen Draht schickte, war seinem Territorium um einiges voraus. Dieser Deutsche ist auch an Deutschland gescheitert.

Sein kurzes Leben verbringt er in zwei hessischen Städtchen: Gelnhausen und Friedrichsdorf. Dazwischen liegen ein paar Ausbildungsjahre auf halber Strecke, in Frankfurt am Main. Alle drei Orte halten heute das Andenken an ihn wach, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Je länger er tot ist, desto größer wird er in den beiden Kleinstädten; den rührigen Heimatmuseen und Geschichtsvereinen ist er ein tragischer Held.

Er schnitzt sich ein Ohr und setzt eine Hasenblase ein


In Frankfurt hängt man ihn tiefer. Im lichten, wunderschön am Mainufer gelegenen Museum für Kommunikation kann man sein Telefon im Vorübergehen leicht übersehen zwischen all den tausend Exponaten; der Fernsprech-Sektor ist in den letzten 150 Jahren explodiert und hat die Initialzündung völlig überstrahlt. Im Gespräch mit den Frankfurter Museumsmachern fällt zudem ein Satz, der seine Leistung doch sehr relativiert: »Ach, Philipp Reis... 
Jedes Land hat ja seinen Telefonerfinder.«

Die Franzosen haben Charles Bourseul, der 1854 ein Telefon beschrieb, aber nicht baute, die Italiener haben den Kerzenfabrikanten Antonio Meucci, der 1860 ein Telefon behauptete (wo ist es?), die Deutschen haben Philipp Reis, der 1861 tatsächlich etwas übertrug, die Welt aber kennt nur den aus Schottland nach Kanada emigrierten Taubstummenlehrer Alexander Graham Bell, der 1876 – anders als alle anderen – einen Apparat vorstellte, mit dem wirklich jeder telefonieren konnte.

Bell kommt 15 Jahre nach Reis und ist zwei Stunden früher auf dem Patentamt als der Amerikaner Elisha Gray. 600 Prozesse werden von Gray und anderen Telefonerfindern gegen das Bellsche Patent geführt, bis vor das höchste Gericht. In den USA hat die umwälzende Bedeutung der Erfindung jeder sofort begriffen, und viele wollen daran teilhaben. Bells Schwiegervater ist Patentanwalt. Er weiß alle Begehren abzuwenden.
7. Januar 1834 – an die Geburt von Philipp Reis in der Langgasse 45 in Gelnhausen erinnert heute eine Tafel. Ein schmales Gebäude, blaues Fachwerk, Geranien grüßen von oben aus den roten Fenstern, drei Etagen. Das Klingelschild verweist auf Herrn und Frau Müller. Man könnte sie anrufen, wüsste man ihre Nummer; ein Telefon werden sie haben. Gegenüber macht die Straße einen scharfen Knick. Hinter dem Gasthaus Zum Loewen, seit 1639 im Familienbesitz, biegt die Via Regia ab. Der uralte Handelsweg verbindet Frankfurt mit Leipzig und Krakau; hier ging zuzeiten unendlicher Verkehr. Steine des Anstoßes an den Hausecken erzählen noch davon, mit welchem Karacho Fuhrwerke die Kurve kratzten.
Die Mutter stirbt, als Philipp ein Jahr alt ist. Sein Vater ist Bäckermeister, nebenher Landwirt. Wie die Vorväter trägt er zur Verpflegung der Reisenden bei. Sein jäher Tod unterbricht die Tradition. Philipp, 10, wird keine Brötchen mehr backen.
Die Großmutter schickt ihn in die Fremde, ins 50 Kilometer entfernte Friedrichsdorf. In dieser Hugenottensiedlung im Taunus spricht man noch immer Französisch, die Handelssprache, die soll er lernen. Er besucht das international angesehene Institut Garnier, ein Internat mit Unterricht von morgens um sieben bis abends um neun, sechs Tage die Woche. G8 ist nichts dagegen. Die Schulkameraden tragen Namen wie Achard und Gauterin. Sie sind Söhne von Kaufleuten.
In Friedrichsdorf lebt man von Textilien, Leder und Teigwaren. Der Zwieback ist weltberühmt. Er schmeckt dem russischen Zaren, der in Bad Homburg zur Sommerfrische weilt und ihn sich über alle Grenzen bis nach St. Petersburg liefern lässt. Der verwaiste Philipp lernt leicht und gern. Mit 14 geht er nach Frankfurt, um sich am Institut des Herrn Hassel in Mathematik, Chemie und Physik zu vervollkommnen. Die Lehrer empfehlen ihn weiter an das Polytechnikum Karlsruhe.
Aber einer seiner beiden Vormünder – auch die Großmutter ist inzwischen gestorben – sagt Nein. Er schickt den Jungen stattdessen zu einem Frankfurter Farbenhändler. Der Lehrling wider Willen verlegt seine Studien in die karge Freizeit. Zunächst scheitert er am Bau eines seilgetriebenen Apparates, der ohne jeden Energieverbrauch auskommen soll: des Perpetuum mobile. Nebenher erfindet er immerhin die Rollschuhe, indem er Schlittschuhen Metallrädchen untermontiert. Sein Pech ist, dass Asphalt und Beton noch nicht sehr verbreitet sind. Auf schrundigem Kopfsteinpflaster und sandigen Chausseen kommen die Rollerblades nicht recht in Fahrt.
Später besucht Philipp eine polytechnische Vorschule in Frankfurt und bereitet sich auf das Studium der Chemie vor, nimmt es aber nicht auf. 1855, mit 21 Jahren, wird er zu den Hessischen Jägern nach Kassel eingezogen, wo er nicht lange bleibt. »Eigenartig ist sein Weggang vom Militär«, heißt es in einer zeitgenössischen Anekdote: »Er fuhr nämlich eines Tages in einer Droschke am Schloss vorüber und wurde vom Kurfürsten gesehen, der sofort nachforschen ließ, wer dies gewesen sei; denn ein solcher Luxus war den Soldaten nicht gestattet.« Aus Ärger über die Zurechtweisung habe sich Reis sofort vom Militärdienst freigekauft.
Im Folgenden schwankt er zwischen Anpassung und Trotz. Es scheint, als ob es ihm mit all seinen kühnen Ideen schwerfällt, den passenden Platz in einem Land zu finden, das zwischen Brauchtumspflege und Erkenntnisdrang selber nicht weiß, wo es gerade steht.
Ein Sinnbild dafür ist der Besuch, den Reis 1858 seiner alten Schule in Friedrichsdorf abstattet. Er will eigentlich nur Adieu sagen, um nun endlich in Heidelberg zu studieren. Stattdessen stellt ihn sein früherer Lehrer, der Direktor Garnier, vom Fleck weg ein, ohne dass Reis irgendein Examen hätte.
Reis revanchiert sich für die unerwartete Chance mit einem drastischen Schwenk in die Konvention: Er heiratet Margarethe Schmidt, die Tochter seines anderen Vormundes, und kauft sich ein Haus an der Hauptstraße, jenes Haus, das heute das Philipp-Reis-Museum beherbergt.
Im Museum tritt uns Lehrer Reis nach einem Foto von 1860 als lebensgroße Pappfigur entgegen. Kleine Statur, dicker Kopf, jeder Hut eine Sonderanfertigung. Wie elegant er dasteht mit Gehstock und Uhrenkette! Aber wohl nur ausnahmsweise, denn Äußerlichkeiten schüren seine Spottlust. Der Zylinder ist ihm ein »Angstrohr«, der Frack ein »Möbel«. Seine Schüler nennen ihn »Schlosser«, weil er immer schwarze Fingernägel hat vom Schrauben und »Bosseln«.
In Friedrichsdorf kommt der exzentrische Lehrer gleichwohl zu Ansehen. Im Auftrag der Stadt erfindet er einen Zähler, um das knappe Wasser gerechter an Gewebetreibende verteilen zu können. In der Schule installiert er einen selbst entworfenen Druckmesser in der Brunnenzuleitung, sodass er es in seiner Stube stets merkt, wenn die Eleven Schabernack am Auslass treiben. Im Nu ist er draußen und weist sie zurecht. So wird er bald auch in seiner Abwesenheit respektiert als der Lehrer, der vieles weiß und alles sieht – wenn auch keiner recht versteht, woher und wie.
Aufgeweckte Schüler lässt er als Helfer an seinen Versuchen teilhaben. Einige von ihnen können später darüber berichten. Die Nachbarstochter Johanna Auguste Bagge, damals sechs, weiß auch noch, »dass er öfters beim Kaffeetrinken davon erzählte«.
Reis ist ein Mann der Tat, nicht der Schrift. Kaum je protokolliert er seine Experimente. Was er will, was er vermutet, welche Probleme ihm bewusst sind und welche nicht, das lässt sich kaum rekonstruieren, weil es an Aufzeichnungen fehlt.
  • Johann Philipp Reis in seinem "Laboratorium", hier eine Zeichnung aus "Das Weltreich der Technik" (1925) von Artur Fürst. Bild: Museumsstiftung Post und Telekommunikation
In seinem Privatlabor an der Schule experimentiert er mit Strom, den er aus Voltasäulen bezieht, jenen grandiosen Ur-Batterien, die seit Anfang des 19. Jahrhunderts elektrische Energie erstmals verfügbar machen. Bekannt ist ihm das Galvanische Tönen: der Eigenresonanzton, den ein mit isoliertem Draht umwickelter Eisenstab von sich gibt, wenn der Stromkreis geschlossen oder geöffnet wird. Reis entdeckt beiläufig, dass der Eisenstab auch andere Töne von sich geben kann, und will dieses Phänomen nutzen, um Sprache und Musik zu übertragen. Fortan beschäftigt er sich mit der Frage: Wie könnte ein Ton einen Stromkreis so öffnen und wieder schließen, dass es am anderen Ende entsprechend tönt?
Er schnitzt ein übergroßes menschliches Ohr aus Holz; als Trommelfell dient ihm etwas Haut von einer Hasenblase, auf der er ein Stück Platin befestigt. Bewegt sich die Membran, bewegt sich auch das Metall und schließt und öffnet einen Stromkreis, an den eine drahtumwickelte Stricknadel angeschlossen ist, die nun zu tönen beginnt. Weil ihm der Klang zu leise ist, steckt Reis die Nadel der Resonanz wegen in eine Geige, die sein Kollege, der Musiklehrer Peter, zur Verfügung stellt. Mithilfe dieser archaischen Konstruktion gelingt ihm eine schnarrende Übertragung.
Elektrisiert vom Erfolg, baut er immer neue »Geber«, bald sieht das Ohr aus wie eine Kaffeemühle mit seitlich angesetztem Trichter. Der »Nehmer« hingegen nimmt die Form einer futuristisch verdrahteten Zigarrenschachtel an. Drähte spannen sich vom Wohnhaus in den Garten und zum Institut Garnier hin, ein paar Hundert Meter die Hauptstraße entlang.
»Telephon« – der ferne Ton – nennt Reis den Sender, den Empfänger »Reproductionsapparat«. Er versteht den Empfänger also nicht als Teil des Telefons, hat noch keinen Begriff vom Ganzen, vom System. Auch hat seine Erfindung einen Makel, der ihren potenziellen Nutzen halbiert: Die Übertragung ist eine Einbahnstraße. Man kann nur etwas durchsagen, nichts erwidern.
Dies wird später das große Plus von Bell sein: Sein Telefon besteht aus einer Muschel, in die man spricht und aus der man hört, abwechselnd. Zudem kommt Bell ohne die plumpen und schnell erschöpften Batterien aus.
Bells Telefon wird noch einen Vorteil haben: Man kann tatsächlich etwas verstehen. Bei Reis ist das nicht immer der Fall. Selbst die berühmten ersten Sätze, die Musiklehrer Peter zu Testzwecken bewusst unsinnig gesprochen haben will, kommen nur verstümmelt an. »Die Sonne ist von Kupfer«, sagt Peter. »Die Sonne ist von Zucker«, versteht Reis. »Das Pferd frisst keinen Gurkensalat«, sagt Peter. »Das Pferd frisst«, versteht Reis.
Freunde und Nachbarn hören und sprechen, Kollegen und Schüler staunen. Friedrichsdorf hat eine Sensation, die bis ins Jahr 2011 reicht, wie das liebevoll ausgestattete und restaurierte Wohnhausmuseum zeigt. Reis aber will mehr: die Anerkennung der Fachwelt, deren Teil er immer hatte werden wollen, aber nicht wurde, weil sein Weg ihn erst in die Farbenhandlung und dann in den Lehrerberuf führte.
Am 26. Oktober 1861 ist der große Moment gekommen. Reis präsentiert sein Gerät erstmals einer kritischen Öffentlichkeit, dem Physikalischen Verein in Frankfurt, dem er seit 1851 angehört: »Über die Fortpflanzung musikalischer Töne auf beliebige Entfernungen durch Vermittlung des galvanischen Stromes«. Aber warum rückt er Musik in den Titel und nicht Sprache? Weil die Sprachübertragung nicht immer klappt. Auch in Frankfurt wollen die Wörter nicht kommen. Die honorige Versammlung ordnet die Sache standesgemäß ein: Welch hübsche Spielerei dieses Lehrers!
Was wäre gewesen, wenn Reis außerhalb von Friedrichsdorf Verständnis und Unterstützung erfahren hätte statt latenten Dünkels? Wenn ihn jemand mit dem großen Siemens in Berlin zusammengebracht hätte? Seiner Erfindung fehlte ja nicht viel. Andererseits hat er auch nie den letzten Schritt in die Forschung gewagt, lieber kokettierte er mit seinem Unwissen: »An eine Reproduction der Töne [...] hat man vielleicht gedacht; aber an der praktischen Lösung dieses Problems haben jedenfalls gerade diejenigen am meisten gezweifelt, welche durch ihre Kenntnisse und Hülfsmittel befähigt gewesen wären, die Aufgabe anzugreifen. – Dem mit den Lehren der Physik nur oberflächlich Bekannten scheint die Aufgabe, wenn er dieselbe überhaupt kennt, weit weniger Schwierigkeiten zu bieten, weil er eben die meisten nicht voraussieht.«
Er ahnte nicht, wie recht er damit hatte. Hätten sich ein paar mehr kluge Köpfe über sein Telefon gebeugt, wäre der Grund der Unzuverlässigkeit schnell erkannt worden: Was Reis nämlich für das Wirkprinzip hielt – das Öffnen und Schließen des Stromkreises –, behinderte in Wahrheit die Funktion. Sein Telefon konnte nur etwas Detailliertes übertragen, wenn der Stromkreis geschlossen war. Dann schwankte der elektrische Widerstand am losen Platinkontakt im Takt der Sprache und modulierte so die Wiedergabe. Intuitiv hatte Reis deshalb bei jedem Gerät eine Stellschraube eingebaut. Sein Justieren war immer dann erfolgreich, wenn er das vermutete Wirkprinzip durch seine Fummelei außer Kraft setzte.
Sein Ruf verbreitet sich um die Welt, aber da ist es schon zu spät
1864 zeigt er seinen Apparat vor der illustren Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte in Gießen – weiter kommt er nicht mehr. Dem Erfinder fehlen das Echo, die Energie und letztlich auch das kommerzielle Ziel: Trotz seiner Kaufmannslehre strebt er nie das große Geschäft an, sondern immer nur die wissenschaftliche Anerkennung. Die bleibt ihm versagt.
Und es trifft ihn sogar noch härter: Als Preußen 1866 die Herrschaft über die Landgrafschaft Hessen-Homburg übernimmt, muss der beliebte und erfolgreiche Lehrer Reis darum kämpfen, weiterhin unterrichten zu dürfen. Er hat ja keine Examina, keinerlei offizielle Lehrbefugnis.
Nebenher bastelt er weiter, legt sogar eine kleine Serienfertigung auf in der Hoffnung, dass seine Apparate in die physikalischen Kabinette Europas einziehen – was sie auch tun. So verbreitet sich sein Ruf langsam bis nach Amerika. Alexander Graham Bell wird in einem der vielen Patentprozesse später zugeben, das deutsche Telefon gekannt zu haben. Aber da ist es für Reis längst zu spät.
Unheilbar erkrankt er an der Lungenschwindsucht. Er stirbt, kurz nach seinem 40. Geburtstag, am 14. Januar 1874 in Friedrichsdorf. Von seinem früheren Lehrer Garnier soll er sich mit den Worten verabschiedet haben: »Ich habe der Welt eine große Erfindung geschenkt; anderen muss ich überlassen, sie weiterzuführen.«
Als die ersten Bellschen Apparate am 26. Oktober 1877 in Berlin getestet werden, ist Generalpostmeister Heinrich von Stephan enthusiasmiert. 
                                                                              Sofort beginnt er mit dem Aufbau
eines Netzes. Siemens fertigt Nachbauten zu Tausenden an, ohne sich um das amerikanische Patent zu scheren. Schnell wird klar, welche Chance man im Jahr 1861 verpasst hat. Das hindert die Reichspost nicht, Reis auch noch den Namen seiner Erfindung zu nehmen. Von Amts wegen heißt es fortan »Fernsprecher«. Klingt deutscher! Einzig wir, das Volk, sprechen bis heute respektvoll vom Telefon.







Nachtrag:
IOs, Android, Windows, etc.., wenn man auf das heute schaut und etwas in die Zukunft, ist es schon verblüffend, was aus dieser Idee geworden ist. Keiner kann sich wirklich vorstellen, nicht ein Handy oder Smartphone in der Tasche zu haben. Wir "müssen" heute 24 Stunden erreichbar sein und durch das Social Network wird das "Telefon" zur Kommunikationszentrale.
Vielen Dank an Herrn Reis.
Auch wenn es nur Posthum ist. 

Montag, 3. Mai 2010

Basic Flashback: 2010 – das Jahr, in dem die Alten zurückschlugen

Hallo, ich bin durch Zufall auf diesen Text von Jürgen Vielmeier gestoßen.
Danke an den BasicThinkingBlog für den Bericht.
Da ich auch zu dieser Alters Klasse gehöre, hat mich der Beitrag einfach umgehauen. Auch wenn leicht fiktiv wirkt, trifft er doch genau ins Schwarze.
Aus diesem Grund habe ich den Text unkommentiert übernommen!

Thaddeus Albrecht saß im Schaukelstuhl auf seiner Veranda und schnippte mit dem Finger durch das Neueste vom Tage. Er überflog die Meldungen im Wirtschaftsteil, als er plötzlich inne hielt. „Insolvenz“ stand dort geschrieben, und als Albrecht den kurzen Text zu Ende gelesen hatte, lehnte er sich zurück. Er zog am Strohhalm seines Longdrinks und versuchte sich daran zu erinnern, wie alles angefangen hatte, damals im Jahr 2010.

Albrecht war gerade 55 geworden und damit der Älteste in seiner Firma, der Ferros AG. Er hatte viele Leute gehen und kommen sehen. Seit ein neuer Investor die Firma übernommen hatte, mehr Leute gehen und immer Jüngere kommen. Viele blieben nur für die Dauer ihres sechsmonatigen Praktikums und waren in ihrer Unerfahrenheit auf die Hilfe der Älteren angewiesen. Ferros schien das aber nicht zu interessieren, und so wurde Albrecht eines Tages ins Zimmer des neuen Geschäftsvorstands Bernard Matthew gerufen.

Mache man sich nichts vor, hatte dieser gesagt. Ferros stehe vor strukturellen Umwälzungen. Dringend notwendige, um auf den sich rasant verändernden globalen Märkten überhaupt noch eine Chance zu haben. Und seine Investoren, ja nun, die würden ungeduldig. Wirtschaftskrise hin oder her: 26 Prozent Rendite seien das Ziel. Ob das machbar sei, hatte man ihn, Matthew, auf der Hauptversammlung gefragt. Ja sicher, habe er geantwortet. Er habe das noch immer geschafft. Luxuszuwendungen wie Kantinenzuschuss, kostenlose Parkplätze und Urlaubsgeld – wo sonst gäb’s die schon – müssten dann nun einmal gestrichen werden. Weil die Zeiten hart seien, müsse man wohl bald Kurzarbeit anmelden und sparen, wo es nur ginge.

Zu alt und nicht mehr gefragt

Albrecht hatte keine Wahl und unterschrieb den Auflösungsvertrag, den ihn Matthew vorlegte. Ein halbes Jahresgehalt gab es als Abfindung, und einen Handschlag von Matthew zum Abschied. Die Ferros AG entließ in jenen Monaten ein Drittel ihrer Beschäftigten und ersetzte viele Stellen durch Zeitarbeiter. Vor allem ältere Mitarbeiter traf es. „Tut uns ja Leid“, argumentierte Matthew vor der Lokalpresse. „Aber Menschen über 50 halten im global geforderten Arbeitstempo nicht mehr Schritt.“ Manche Projekte würden halt 14 Stunden Arbeit am Tag verlangen und dazu wären gerade Ältere nicht mehr in der Lage.

Für Thaddeus Albrecht bedeutete das den üblichen Spießrutenlauf durch die Instanzen. Nach einem Jahr vergeblicher Suche war er müde geworden. Mehr als 150 Bewerbungen hatte er verfasst, und wenn überhaupt Antworten kamen, dann lobte man in der Regel seine Überqualifikation. Ein halbes Jahr lang würde das Arbeitslosengeld noch reichen, dann käme Hartz IV. Albrechts Frau verdiente mit ihrer halben Stelle als Verkäuferin in einem Supermarkt inzwischen besser als er. Sein Sohn empfahl ihm, sich über das Internet zu bewerben. “Puh, Internet”, dachte Albrecht. Das war doch dieses Ding mit den Viren und Hackern. Zu kompliziert, und überhaupt: zu gefährlich.

Albrecht fühlte sich aufs Abstellgleis geschoben. In diese Gesellschaft passte er nicht, das war ihm jetzt klar. Er fühlte sich alt und nutzlos, hörte auf, Bewerbungen zu schreiben und setzte sich lieber in seinen Lehnstuhl, las Groschenromane, ließ dabei den Fernseher laufen und hoffte darauf, irgendwann einfach einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen.

Es klingelt

Da klingelte es eines Morgens an der Tür, durchdringend, immer wieder. Albrecht fluchte, erhob sich schließlich doch und schlurfte zur Tür. Der Besucher war bereits gegangen, aber hatte ein Päckchen dagelassen. Ich hab doch nichts bestellt, dachte Albrecht. TESTGERÄT stand in großen Lettern auf der Box, ein Absender nicht.

Zwei Tage lang ließ Albrecht das Päckchen ungeöffnet auf dem Wohnzimmertisch liegen. Dann gewann doch die Neugier und er riss den Karton auf. Eine etwa 30 Zentimeter lange Glasscheibe lag darin. Weiter nichts. Nur ein kleiner Zettel: „… haben wir Ihre Adresse von der Agentur für Arbeit … würden wir uns freuen, wenn Sie unsere Neuentwicklung ausprobieren. Fahren Sie mit dem Zeigefinger über die Scheibe und lassen Sie sich überraschen!“

Es dauerte weitere zwei Tage, bis Albrechts Neugier ihn endlich dazu brachte, die Scheibe in die Hand zu nehmen. Mit dem Finger fuhr er über das Glas, wie der Zettel es gefordert hatte. Albrecht ließ sie vor Erstaunen fast fallen: In der Scheibe erschienen bunte Grafiken und Bildchen. Auf den zweiten Blick wurde ihm klar, dass es Nachrichten waren. Das aktuelle Wetter seines Wohnorts wurde in einem Feld angezeigt, ein weckerartiges Symbol zeigte Datum und Uhrzeit an, ein Feld listete Lokalnachrichten als Schlagzeilen auf. „Und jetzt?“, dachte Albrecht. In großer Schrift stand auf der Scheibe, die offenbar eine Art Touchscreen war: Tippen Sie auf ein Feld, um es zu vergrößern, ziehen Sie es mit einem Finger, um es zu verschieben.

Nichts mehr als ein Stück Glas

Tippte Albrecht auf ein Feld, poppte es auf, tippte er noch einmal darauf, ging es wieder zu. Das machte Spaß, dachte er. Ein Feld sah wie eine Art Textverarbeitung aus, die Albrecht noch von der Arbeit kannte. Tippte er darauf, öffnete sich tatsächlich ein MS-Word-ähnliches Programm und eine Tastatur wurden eingeblendet. Der Hauch eines Lächelns ging über Albrechts Gesicht.

Als Albrechts Frau am späten Nachmittag von der Arbeit wiederkam, saß ihr Mann wie ein kleiner Junge auf dem Wohnzimmerstuhl und tippte wie verrückt auf einer Glasscheibe herum. Als er sie bemerkte, strahlte er und hielt sie ihr vor Freude entgegen. Vor lauter Staunen ließ seine Frau die Einkaufstasche fallen. „Thaddeus, was um Himmels Willen…?“. Sie stand ungläubig da. So fröhlich hatte sie ihren Mann seit Jahren nicht gesehen.

Von da an verbrachte Albrecht ganze Tage mit der Scheibe. Er las die Nachrichten, spielte Spiele und musizierte auf virtuellen Instrumenten, fand ein Programm, das ihn mit anderen Leuten vernetzte. Mit anderen Menschen über 50 kam er dort in Kontakt. Menschen, denen es ähnlich ging wie ihm. Sie fühlten sich nutzlos, zu nichts mehr gebraucht und hätten doch so gerne noch gearbeitet. Ob sie auch so eine Glasscheibe in der Post gehabt hätten, fragte Albrecht herum. Einige bejahten. Das sei ein nettes Geschenk gewesen. Aber was das ganze bloß sollte, und ob der edle Spender es wiederhaben wolle?

Albrecht war das egal. Es begann, seinen kompletten Tagesablauf mit der Wunderscheibe zu organisieren. Er benutzte den integrierten Kalender, verfasste Briefe und verschickte sie sogleich elektronisch per Knopfdruck über eine Adresse, die die Scheibe für ihn herausgesucht hatte. Die Suchmaschine des Geräts half ihm, sich über Wirtschaft und das Finanzsystem zu informieren. Mit neuen Freunden, die er im Chat kennenlernte, blieb er in Kontakt. Seine Frau freute sich, dass er von Tag zu Tag immer mehr aufblühte. „Ich hab da eine Idee“, sagte er eines Morgens zu ihr.

Ein Jahr später lachte niemand mehr

„Nun“, sagte der Bankangestellte und musterte ihn kurz. „Nun“, wiederholte er, nervös mit seinem Kugelschreiber spielend. „Dass Sie Erfahrung haben, will ich angesichts Ihres Alters gar nicht bestreiten. Was aber Ihre Kreditwürdigkeit betrifft. Nun ja…“ Es war das zehnte Gespräch, das Albrecht wegen dieser Idee führte, einer Geschäftsidee. Alle Banken, bei denen er sich bisher vorstellte, hatten sie nicht finanzieren wollen. Dieses war die letzte, bei der er es noch versuchen konnte. Er hatte extra seinen ältesten Sohn mitgenommen, um überzeugender zu wirken. „Schauen Sie“, unterbrach Albrecht den Sachbearbeiter. „Alles, was ich von Ihnen möchte, ist eine Anschubfinanzierung. Der Staat zahlt die Hälfte, meine Wohnung dient Ihnen als Sicherheit und in einem Jahr beginnt schon die Tilgung des Kredits. Es geht nur um ein paar Tausend.“

Der Sachbearbeiter verdrehte die Augen, wiegte den Kopf erst nach links, dann nach rechts. „Also gut. Was soll’s. Versuchen Sie’s!“ Er stand auf und schüttelte Albrecht die Hand. Endlich. Albrecht gründete eine Agentur, die Menschen über 50 als Berater in Unternehmen schickt. Als sein erstes Büro diente – wie klassisch – die Garage seiner Wohnung. Ein Interview mit ihm erschien in der lokalen Tageszeitung. Ein ganzer Reigen von Leserbriefen kommentierte die Idee sarkastisch.

Als Albrechts Agentur fünf Monate später 40 Fachkräfte vermittelte, lachte niemand mehr. Die freien Kräfte waren auf einmal gefragt und erhielten ein stattliches Gehalt. Bei den Firmen der Region sprach sich die Kompetenz der Fachleute wie ein Lauffeuer herum. Ganz neue Käuferschichten ließen sich damit erschließen, warb Albrechts Agentur. Es war sonderbar, wunderte er sich. Sobald er die Mitarbeiter „Consultants“ nannte, waren die Kunden plötzlich bereit, tausend Euro und mehr für Ihre Arbeit am Tag zu bezahlen.

Die Agentur expandierte bundesweit. Über Wochenendseminare schulte Albrechts Firma neues Personal für die wichtigsten Aufgaben. Dann schwärmte die Rentnerarmee aus. Sie unterwiesen die Forschungs- und Entwicklungs-Abteilungen darin, wie man Produkte kundenfreundlicher und barrierefrei erstellen konnte. Das Personal war hochmotiviert und erarbeitete sich schnell einen vortrefflichen Ruf. Albrecht brauchte keine Anfrage eines möglichen Kunden abzulehen – der Pool neuer möglicher Consultants war praktisch unerschöpflich. Nur wenn Unternehmen anfragten, die Albrecht seinerzeit als „überqualifiziert“ abgelehnt hatten, hatte er plötzlich unglaublich viel zu tun und war auf Monate hin ausgebucht.

Senior Consultants überall

Fünf Jahre später war aus der kleinen Garagenfirma ein Großunternehmen geworden. Solide geführt, aus eigener Hand und Marktführer in Europa. Zehn Jahre später war Albrechts Unternehmen Weltmarktführer, 10.000 gut bezahlte Senior Consultants (im wahrsten Sinne des Wortes) arbeiteten für ihn alleine in Deutschland. Und auch in diesem Land hatte sich etwas geändert. Technik war nicht länger etwas für verspielte Männer zwischen 20 und 40, sondern für jedermann. Alte Menschen saßen surfend im Café und posteten Statusupdates, organisierten Barcamps und waren vielfach die ersten in der Schlange, wenn ein neues Hightechprodukt in die Regale kam. Albrecht selbst hätte genug Geld verdienen können, um mehrfacher Multimillionär zu werden. Er begnügte sich mit einem kleinen Landhaus in Italien, das er bald mit seiner Frau bezog.

Wer ihm damals die Glasplatte zugeschickt hatte, weiß Albrecht bis heute nicht. Dass derjenige die Zeichen der Zeit erkannt hatte, scheint gewiss. Dass er damit ahnte, welche Revolution er heraufbeschwören würde, bestimmt nicht.

Fünfzehn Jahre nach der sanften Revolution, die er selbst ausgelöst hatte, übergab Albrecht seine Firma – ganz klassisch – seinem ältesten Sohn. Für ihn war es jetzt, mit 70, dann wirklich genug der harten Arbeit. Er würde der Technik weiterhin aufgeschlossen gegenüber stehen, so viel war klar. So wie für die Weiterentwicklung der Glasplatte von damals, die er nun in seinem Landhaus in Italien benutze, um sich auf dem Laufenden zu halten: ein kleines Gerät, das Neuigkeiten auf jede beliebige Oberfläche projiziert. Es tastet die Gesten des Anwenders ab und lässt sich gänzlich freihändig bedienen.

Die Wirtschaftsnachrichten interessierten Albrecht stets am meisten und so las er an diesem Morgen die Meldung „Insolvenz: Ferros AG wird zerschlagen“. Weiter im Text hieß es: „Die Firma klagte schon länger über ausbleibende Verkaufszahlen. Zuletzt waren Umsatz und Vorsteuergewinn drastisch eingebrochen. Analysten gehen davon aus, dass Ferros den boomenden Markt der kaufkräftigen, älteren Kunden zu lange ignoriert hat.“

Ein Lächeln ging über Albrechts Gesicht. Manchmal schien es ihm, als sei das alles nur ein Traum gewesen.

(Jürgen Vielmeier / Bilder: Senior Expert Service)

Donnerstag, 25. März 2010

NTP-Software vs W32Time

Wer den Windows-Dienst W32Time nutzt, um seine Rechneruhren zu synchronisieren, merkt schnell das die Systeme bei längerer Laufzeit um einige Sekunden auseinander driften. Wie bekommt man es hin, dass sie möglichst gut übereinstimmen?
Zwar nutzt W32Time das Network Time Protocol zur Synchronisierung, das bei passender Hardware, geeigneten Zeitquellen und geringer Netzlatenz eine Übereinstimmung im 10-ms-Bereich ermöglicht. Aber Microsoft hat den W32Time-Dienst nicht als hochpräzise Lösung entworfen: Er soll lediglich dafür sorgen, dass die Abweichung der Systemzeit von der Quelle höchstens im unteren Minutenbereich liegt, damit die Kerberos-Authentifizierung innerhalb von Domänen funktioniert. Für striktere Anforderungen mit maximalen Abweichungen im unteren Sekundenbereich taugt W32Time folglich nicht. Wer zuverlässig hohe Übereinstimmung der Uhren in seinem Netz braucht, muss auf den Hosts eine vollwertige NTP-Implementierung wie etwa die von Meinberg installieren.
Bei einer Runde Minesweeper fällt eine Abweichung der Systemuhr nicht auf, doch wenn scheinbar E-Mails verschwinden, oder bei der Fehlerdiagnose in Logfiles stört sie sehr. Nach einem Konfigurationseingriff und eventuell mit einigen Freeware-Tools weiß der PC stets, wie spät es wirklich ist. Bei "heise Netze" gibt es eine sehr gute Dokumentation.