Dienstag, 6. Juli 2010

Google Voice

Google Voice ist ein kostenloser, webbasierte Telefonmanager. Unter dem Motto “Eine Nummer für alle deine Telefone, für immer” hat der bisher nur in den USA verfügbare Dienst das Zeug, die Telefonie zu revolutionieren – und könnte eines Tages Skype gefährlich werden. 

In der Folge der Wirtschaftkrise scheint es, als ob sich junge Webdienste immer seltener den Luxus eines ausgiebigen “Stealth mode” oder einer langen, geschlossenen Beta-Phase gönnen und stattdessen schnellstmöglich einer großen Benutzerzahl Zugang gewähren wollen. Die Konsequenz für Web-Enthusiasten wie uns ist, dass es nur noch wenige Services gibt, auf die wir sehnsüchtig warten und bei denen wir uns auf den Tag freuen, an dem wir eine Einladung zur Testphase erhalten. 

Aber zum Glück gibt es Google: 

Hier gibt es Google Mail, Google Kalender, Google Sites, Google Apps, Google Docs, Chrome OS, Android und die neuartige Kommunikations- und Kollaborationsplattform Wave, sondern auch der Telefonmanager Google Voice. Wenn es einen Onlinedienst gibt, auf dessen Launch ich persönlich ungeduldig warte, dann ist es dieser. Bisher ist Google Voice lediglich auf Einladung und nur in den USA verfügbar. Google Voice basiert auf dem im Sommer 2007 für kolportierte 50 Millionen Dollar übernommenen Telefondienstleister GrandCentral. 

Im März diesen Jahres schloss der kalifornische Internetriese die Integration von GrandCentral in das eigene Produktportfolio ab und gab den offiziellen Startschuss für Google Voice.Nutzer von Google Voice erhalten eine einzige Telefonnummer, die sie mit Hilfe von Regeln je nach Anrufer an das private, dienstliche oder mobile Telefon weiterleiten und über eine Google Mail ähnliche Weboberfläche verwalten können. Neben zahlreichen Funktionen zum bequemen Steuern und Feinabstimmen des persönlichen Gesprächsmanagements bietet Google Voice einen Anrufbeantworter, der hinterlassene Nachrichten nicht nur in Ton- sondern auch in Textform darstellt. 

Gespräche werden über das Webinterface eingeleitet. Google ruft dann eines der persönlichen Telefone an und verbindet es mit dem gewünschten Gesprächspartner. Telefonate lassen sich auf Wunsch aufzeichnen. Auch Konferenzen und SMS-Versand sowie -Empfang werden unterstützt. Google Voice ist nicht nur kostenlos, sondern bietet in der USA außerdem kostenfreie Anrufe einheimischer Nummern. Für internationale Telefonate fallen geringe Gebühren an, die denen von Skype, JAJAH oder Truphone ähneln. 

Einen großen Schritt macht Google Voice mit der anstehenden Veröffentlichung von Applikationen für Android-Smartphones und Blackberry. Besitzer dieser Geräte können über die Anwendung direkt auf die wichtigsten Google Voice-Funktionen zugreifen und bei ausgehenden Telefonaten ihre Google Voice-Nummer anzeigen lassen. Eine iPhone-App ist in Planung.

Um Nutzern, die einen Invite ergattern konnten, den Einstieg so leicht wie möglich zu machen, arbeitet Google derzeit an Lösungen, existierende Nummern von anderen Providern zu transferieren. Erste Tests dazu laufen zwar bereits, aber bis auf weiteres müssen sich User damit abfinden, von Google eine neue Nummer zugeteilt zu bekommen.
Auch wenn mit dem Einsatz von Google Voice einmal mehr ein Batzen persönlicher Informationen an den Webgiganten aus Mountain View ausgeliefert wird und die Notwendigkeit, allen Kontakten die persönliche Google Voice-Nummer kommunizieren zu müssen, zusätzlichen Aufwand bedeutet, handelt es sich bei dem webbasierten Telefonmanager um ein ein beeindruckendes Produkt, welches endlich Ordnung, Struktur und Effizienz in den Gesprächsalltag bringt.
Entgegen anderslautender Gerüchte plant Google offenbar, Voice vorerst weiterhin nur auf Einladung zugänglich zu machen. VoIP-Anbieter wie Skype müssen sich somit im Moment keine Sorgen machen, von Google in Bedrängnis gebracht zu werden. Langfristig aber ist Voice definitiv eine Bedrohung für alle Unternehmen, die im Markt der digitalen Telefonie tätig sind. Skype beispielsweise wäre daher gut beraten, sein Angebot noch stärker in die Richtung des “Unified Messagings” zu bewegen. Eine Browservariante könnte ein Anfang sein.
Ab wann Europäer Zugang zu Google Voice erhalten, ist bisher unklar.

[Update] Einladung [/Update]

Google Voice
You are invited to open a free Google Voice account. To accept this invitation and create your account, visit https://www.google.com/voice/inv/8FgkTBC1DmwVsMkmg7CZdzjwKI794e2403e8620227
If you haven't already heard about it, Google Voice is a free service that makes using your phone much better!
You can either use Google Voice with your existing mobile phone number and get:
  • Voicemail like email, with automatic transcriptions sent via email and SMS
  • Low cost international calls to the entire world
  • Custom voicemail greetings based on who is calling
OR choose a new Google phone number to get these additional features:
  • One phone number that rings all your phones
  • The ability to send and receive SMS messages via email
  • Spam filter to block unwanted callers
To learn more about these options before registering, visit: http://www.google.com/voice/about
We hope you enjoy Google Voice!

The Google Voice Team

Google Wave

Google Wave: die perfekte Welle?

Im Mai 2009 stellte Google der Welt den Kommunikationsdienst Wave vor: das Tool, das zukünftig die E-Mail ersetzen soll. Auf Einladung hin konnte man seit September 2009 am Testbetrieb teilnehmen. Seit Mai 2010 kann jeder Google Wave nutzen, und der Dienst bietet einige hochinteressante Funktionen.

Gemeinsam Ideen entwickeln

Jeder Teilnehmer einer Welle kann eigene Beiträge schreiben und fremde Beiträge bearbeiten. Die Änderungen werden für alle in Echtzeit sichtbar – man kann also live zusammenarbeiten, auch wenn die beteiligten Computerarbeitsplätze über die ganze Erde verteilt sind. Dabei kennt jeder Teilnehmer immer die aktuelle Version des Austauschs. Und wer bei einer Sitzung nicht live dabei sein konnte, erhält eine automatische Benachrichtigung, dass an der Welle gearbeitet wurde. Mithilfe eines Zeitstrahls kann man die bisherigen Beiträge in chronologischer Reihenfolge mitverfolgen und so nachvollziehen, welche Arbeitsschritte zum aktuellen Stand geführt haben.




Referenzmaterial anhängen

In der Welle können auch Dateien hinterlegt werden. Arbeitet man beispielsweise an einem Text oder einer Präsentation auf Basis einer Studie, kann das Ausgangsmaterial hier für alle Teilnehmer bereitgestellt werden. Für die optimale Nutzung sollte man allerdings der Versuchung widerstehen, Änderungen ins Dokument zu schreiben und die neue Version hochzuladen. Viel effektiver ist es, den Dokumenteninhalt in die Welle zu transportieren und dort direkt kooperativ zu bearbeiten.

Erweiterungen nutzen

Mit der gemeinsamen Arbeit an Texten ist die Leistungsfähigkeit jedoch nicht erschöpft. Zahlreiche Extensions von Drittanbietern liefern weitere Funktionen: von einem einfachen Ja-nein-Abstimmungstool über Karteneinbindung bis hin zu Online-Mindmapping und Video-Chats. Legt man die Extension-Vielfalt eines Webbrowsers als Maßstab an, sind hier noch viele intelligente Ergänzungen zu erwarten.

Der Wermutstropfen

Wo liegt der Haken? Aktuell wird ein Google-Account zur Nutzung von Google Wave benötigt, und alle Daten liegen auf Google-Servern. Für hochsensible Projekte ist das Tool daher noch nicht geeignet. Doch auch hier gibt es einen Silberstreif am Horizont: Die Freigabe der Software ist geplant, so dass Wave-Server bald auch in geschützten Netzwerken eingerichtet werden können.

Donnerstag, 10. Juni 2010

Neuigkeiten von Sysinternals für unsere Admins

Sysinternals veröffentlicht Autoruns 10
Wie heise-online berichtet hat Systernals ein Update für Autoruns heraus gebracht.
Das System-Tool Autoruns analysiert, welche Programme von Windows beim Hochfahren automatisch mitgestartet werden. Der Hersteller Sysinternals hat nun Version 10 des Programms veröffentlicht. Die wichtigste Neuerung: Autoruns prüft jetzt nicht mehr nur die gerade laufende Windows-Version, sondern auch Parallelinstallationen. Damit taugt das kostenlose Programm nun auch für den Einsatz auf Notfall-CDs mit Windows PE.
Autoruns läuft unter Windows XP, Vista und Windows 7 sowie unter allen aktuellen Server-Versionen seit 2003. Sysinternals, gegründet von Mark Russinovich und Bryce Cogswell, wurde vor einigen Jahren von Microsoft aufgekauft.

Montag, 17. Mai 2010

browzar - Der Browser, der keine Spuren hinterlässt

Ich habe gerade diesen Browser endeckt. So richtig weis ich noch nicht, was ich davon halten soll. Er beruht auf der IE Engine und implementiert sich wohl dort. Mit einer Größe von 222 kb ist da auch nichts anders möglich.

Auf der Page von bowzar wird unter anderem folgendes bekannt gegeben:

Suchen und surfen Sie im Web, ohne Spuren auf Ihrem Computer zu hinterlassen.

Browzar basiert auf der Internet Explorer Engine. Daher besteht das Programm nur aus einer kleinen Datei, die in wenigen Sekunden heruntergeladen werden kann. Wir haben es so aufgebaut, dass es auch als "Einweg-Browser" funktioniert; so entscheiden Sie selbst, ob Sie Browzar auf Ihrem PC behalten oder es immer nur dann downloaden, wenn Sie Ihre Privatsphäre schützen müssen. Sie brauchen es noch nicht einmal zu installieren: Bei Browzar klicken Sie und schon geht es los...
  • Kein Verlauf, keine gespeicherten Dateien oder Cookies
  • Keine peinliche automatische Vervollständigung bei Eingabe von Suchbegriffen
  • Keine Installation. Einfach auf ‘Run’ klicken und los geht's
  • Keine Registrierung erforderlich

Buzz

Google Buzz ist ja jetzt schon einige Tage alt (es wurde Anfang Februar frei gegeben) und wenn es auch bei der Einführung einige mehr oder weniger schwere Pannen gab, benutze ich es gerne.
Es ist schnell und wie ich glaube leicht zu verstehen. Hier ist auch der Vorteil gegenüber Mitkonkurenten wie Facebook und Twitter.

Doch was ist Google Buzz überhaupt?
Der folgende Bericht stammt von "Ich im Netz"


Buzz erweitert den Google Mail-Dienst um Social-Community-Fähigkeiten und generiert jetzt – ähnlich wie Facebook und Co. – automatisch ein Social-Network-Profil. Mit Google Buzz könnt ihr nun zum Beispiel Updates, Fotos und Links freigeben, indem ihr unter anderem Inhalte aus Twitter, Picasa, Flickr und dem Google Reader importiert. Neue Posts und Kommentare werden dabei in Echtzeit angezeigt. Sprich, ihr müsst die Seite nicht extra aktualisieren, um neue Kommentare zu sehen. Wenn ihr etwas einstellt oder mithilfe von Google Buzz zu einem Post beitragt, werden Antworten auf diese Nachrichten in eurem Posteingang angezeigt.
Doch um Buzz zu verwenden, benötigt ihr ein öffentliches Google-Profil. Ein öffentliches Profil ist im Web sichtbar, das heißt, wenn Nutzer nach eurem Namen suchen, wird euer Profil angezeigt. Wenn ihr noch kein Profil oder bereits ein Google-Profil, das bisher jedoch nicht öffentlich ist, angelegt habt, werdet ihr zur Erstellung aufgefordert, sobald ihr Google Buzz verwendet. Wenn ihr euer Profil bearbeitet, überlegt euch genau, welche Informationen ihr wirklich von euch preisgeben wollt. Um Google Buzz überhaupt zu verwenden, ist nur die Angabe eures Namens nötig.
Ihr könnt zudem bestimmen, ob eine Liste der Personen, bei denen ihr mitlest, und die bei euch mitlesen in eurem Profil angezeigt werden soll. Wenn ihr bei einem Nutzer mitlest, bedeutet dies, dass ihr die Updates und Inhalte sehen könnt, die diese Person in Google Buzz freigibt.
Nachdem Buzz gerade am Anfang sehr in der Kritik stand, hat Google im Nachhinein noch einige Änderungen vorgenommen. Beispielsweise werden die Personen, mit denen ihr in Google Mail am häufigsten in E-Mail- und Chat-Kontakt steht, nicht mehr automatisch als eure Mitleser eingetragen, sondern Google Buzz macht nun Vorschläge für Personen, bei denen ihr vielleicht mitlesen möchtet.
Wenn ihr in eurem Google Mail-Konto auf Buzz klickt, seht ihr die Posts von Personen, bei denen ihr mitlest, sowie ein Feld, in dem ihr eure Updates einstellen könnt. Wenn ihr Buzz-Posts einstellt, könnt ihr für jeden einzelnen Post auswählen, ob er öffentlich oder privat sein soll. Öffentliche Posts werden für alle eurer Mitleser angezeigt und erscheinen in eurem Google-Profil, während private Posts nur für die von euch ausgewählten Personen angezeigt werden.
Wenn euch Google Buzz nicht gefällt, könnt ihr es natürlich in euren Google Mail-Einstellungen deaktivieren. Klickt oben rechts in Google Mail auf „Einstellungen“ und klickt dann auf die Registerkarte „Buzz“. Im Abschnitt „Google Buzz-Optionen“ seht ihr die Optionen für das Deaktivieren von Google Buzz. Klickt unbedingt auf „Änderungen speichern“, nachdem ihr eure Auswahl getroffen habt. Nun können eure Mitleser keine weiteren Informationen sehen, die ihr in eurem Google-Profil öffentlich macht.


Übrigens: Google hat Buzz zum Google Dashboard hinzugefügt, sodass ihr die von euch freigegebenen Informationen auf einen Blick sehen und eure persönlichen Einstellungen steuern könnt.

Weitere Informationen findet ihr hier:

Microsoft Maleware Protection Center

Microsoft pflegt eine gute Seite, auf der über aktuelle Bedrohungen berichtet wird.
Dieses Maleware Protection Center ist zwar auf Englisch, aber sehr übersichtlich. Unter anderem werden dort die einzelnen Vieren analysiert und erklärt.

Montag, 3. Mai 2010

Basic Flashback: 2010 – das Jahr, in dem die Alten zurückschlugen

Hallo, ich bin durch Zufall auf diesen Text von Jürgen Vielmeier gestoßen.
Danke an den BasicThinkingBlog für den Bericht.
Da ich auch zu dieser Alters Klasse gehöre, hat mich der Beitrag einfach umgehauen. Auch wenn leicht fiktiv wirkt, trifft er doch genau ins Schwarze.
Aus diesem Grund habe ich den Text unkommentiert übernommen!

Thaddeus Albrecht saß im Schaukelstuhl auf seiner Veranda und schnippte mit dem Finger durch das Neueste vom Tage. Er überflog die Meldungen im Wirtschaftsteil, als er plötzlich inne hielt. „Insolvenz“ stand dort geschrieben, und als Albrecht den kurzen Text zu Ende gelesen hatte, lehnte er sich zurück. Er zog am Strohhalm seines Longdrinks und versuchte sich daran zu erinnern, wie alles angefangen hatte, damals im Jahr 2010.

Albrecht war gerade 55 geworden und damit der Älteste in seiner Firma, der Ferros AG. Er hatte viele Leute gehen und kommen sehen. Seit ein neuer Investor die Firma übernommen hatte, mehr Leute gehen und immer Jüngere kommen. Viele blieben nur für die Dauer ihres sechsmonatigen Praktikums und waren in ihrer Unerfahrenheit auf die Hilfe der Älteren angewiesen. Ferros schien das aber nicht zu interessieren, und so wurde Albrecht eines Tages ins Zimmer des neuen Geschäftsvorstands Bernard Matthew gerufen.

Mache man sich nichts vor, hatte dieser gesagt. Ferros stehe vor strukturellen Umwälzungen. Dringend notwendige, um auf den sich rasant verändernden globalen Märkten überhaupt noch eine Chance zu haben. Und seine Investoren, ja nun, die würden ungeduldig. Wirtschaftskrise hin oder her: 26 Prozent Rendite seien das Ziel. Ob das machbar sei, hatte man ihn, Matthew, auf der Hauptversammlung gefragt. Ja sicher, habe er geantwortet. Er habe das noch immer geschafft. Luxuszuwendungen wie Kantinenzuschuss, kostenlose Parkplätze und Urlaubsgeld – wo sonst gäb’s die schon – müssten dann nun einmal gestrichen werden. Weil die Zeiten hart seien, müsse man wohl bald Kurzarbeit anmelden und sparen, wo es nur ginge.

Zu alt und nicht mehr gefragt

Albrecht hatte keine Wahl und unterschrieb den Auflösungsvertrag, den ihn Matthew vorlegte. Ein halbes Jahresgehalt gab es als Abfindung, und einen Handschlag von Matthew zum Abschied. Die Ferros AG entließ in jenen Monaten ein Drittel ihrer Beschäftigten und ersetzte viele Stellen durch Zeitarbeiter. Vor allem ältere Mitarbeiter traf es. „Tut uns ja Leid“, argumentierte Matthew vor der Lokalpresse. „Aber Menschen über 50 halten im global geforderten Arbeitstempo nicht mehr Schritt.“ Manche Projekte würden halt 14 Stunden Arbeit am Tag verlangen und dazu wären gerade Ältere nicht mehr in der Lage.

Für Thaddeus Albrecht bedeutete das den üblichen Spießrutenlauf durch die Instanzen. Nach einem Jahr vergeblicher Suche war er müde geworden. Mehr als 150 Bewerbungen hatte er verfasst, und wenn überhaupt Antworten kamen, dann lobte man in der Regel seine Überqualifikation. Ein halbes Jahr lang würde das Arbeitslosengeld noch reichen, dann käme Hartz IV. Albrechts Frau verdiente mit ihrer halben Stelle als Verkäuferin in einem Supermarkt inzwischen besser als er. Sein Sohn empfahl ihm, sich über das Internet zu bewerben. “Puh, Internet”, dachte Albrecht. Das war doch dieses Ding mit den Viren und Hackern. Zu kompliziert, und überhaupt: zu gefährlich.

Albrecht fühlte sich aufs Abstellgleis geschoben. In diese Gesellschaft passte er nicht, das war ihm jetzt klar. Er fühlte sich alt und nutzlos, hörte auf, Bewerbungen zu schreiben und setzte sich lieber in seinen Lehnstuhl, las Groschenromane, ließ dabei den Fernseher laufen und hoffte darauf, irgendwann einfach einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen.

Es klingelt

Da klingelte es eines Morgens an der Tür, durchdringend, immer wieder. Albrecht fluchte, erhob sich schließlich doch und schlurfte zur Tür. Der Besucher war bereits gegangen, aber hatte ein Päckchen dagelassen. Ich hab doch nichts bestellt, dachte Albrecht. TESTGERÄT stand in großen Lettern auf der Box, ein Absender nicht.

Zwei Tage lang ließ Albrecht das Päckchen ungeöffnet auf dem Wohnzimmertisch liegen. Dann gewann doch die Neugier und er riss den Karton auf. Eine etwa 30 Zentimeter lange Glasscheibe lag darin. Weiter nichts. Nur ein kleiner Zettel: „… haben wir Ihre Adresse von der Agentur für Arbeit … würden wir uns freuen, wenn Sie unsere Neuentwicklung ausprobieren. Fahren Sie mit dem Zeigefinger über die Scheibe und lassen Sie sich überraschen!“

Es dauerte weitere zwei Tage, bis Albrechts Neugier ihn endlich dazu brachte, die Scheibe in die Hand zu nehmen. Mit dem Finger fuhr er über das Glas, wie der Zettel es gefordert hatte. Albrecht ließ sie vor Erstaunen fast fallen: In der Scheibe erschienen bunte Grafiken und Bildchen. Auf den zweiten Blick wurde ihm klar, dass es Nachrichten waren. Das aktuelle Wetter seines Wohnorts wurde in einem Feld angezeigt, ein weckerartiges Symbol zeigte Datum und Uhrzeit an, ein Feld listete Lokalnachrichten als Schlagzeilen auf. „Und jetzt?“, dachte Albrecht. In großer Schrift stand auf der Scheibe, die offenbar eine Art Touchscreen war: Tippen Sie auf ein Feld, um es zu vergrößern, ziehen Sie es mit einem Finger, um es zu verschieben.

Nichts mehr als ein Stück Glas

Tippte Albrecht auf ein Feld, poppte es auf, tippte er noch einmal darauf, ging es wieder zu. Das machte Spaß, dachte er. Ein Feld sah wie eine Art Textverarbeitung aus, die Albrecht noch von der Arbeit kannte. Tippte er darauf, öffnete sich tatsächlich ein MS-Word-ähnliches Programm und eine Tastatur wurden eingeblendet. Der Hauch eines Lächelns ging über Albrechts Gesicht.

Als Albrechts Frau am späten Nachmittag von der Arbeit wiederkam, saß ihr Mann wie ein kleiner Junge auf dem Wohnzimmerstuhl und tippte wie verrückt auf einer Glasscheibe herum. Als er sie bemerkte, strahlte er und hielt sie ihr vor Freude entgegen. Vor lauter Staunen ließ seine Frau die Einkaufstasche fallen. „Thaddeus, was um Himmels Willen…?“. Sie stand ungläubig da. So fröhlich hatte sie ihren Mann seit Jahren nicht gesehen.

Von da an verbrachte Albrecht ganze Tage mit der Scheibe. Er las die Nachrichten, spielte Spiele und musizierte auf virtuellen Instrumenten, fand ein Programm, das ihn mit anderen Leuten vernetzte. Mit anderen Menschen über 50 kam er dort in Kontakt. Menschen, denen es ähnlich ging wie ihm. Sie fühlten sich nutzlos, zu nichts mehr gebraucht und hätten doch so gerne noch gearbeitet. Ob sie auch so eine Glasscheibe in der Post gehabt hätten, fragte Albrecht herum. Einige bejahten. Das sei ein nettes Geschenk gewesen. Aber was das ganze bloß sollte, und ob der edle Spender es wiederhaben wolle?

Albrecht war das egal. Es begann, seinen kompletten Tagesablauf mit der Wunderscheibe zu organisieren. Er benutzte den integrierten Kalender, verfasste Briefe und verschickte sie sogleich elektronisch per Knopfdruck über eine Adresse, die die Scheibe für ihn herausgesucht hatte. Die Suchmaschine des Geräts half ihm, sich über Wirtschaft und das Finanzsystem zu informieren. Mit neuen Freunden, die er im Chat kennenlernte, blieb er in Kontakt. Seine Frau freute sich, dass er von Tag zu Tag immer mehr aufblühte. „Ich hab da eine Idee“, sagte er eines Morgens zu ihr.

Ein Jahr später lachte niemand mehr

„Nun“, sagte der Bankangestellte und musterte ihn kurz. „Nun“, wiederholte er, nervös mit seinem Kugelschreiber spielend. „Dass Sie Erfahrung haben, will ich angesichts Ihres Alters gar nicht bestreiten. Was aber Ihre Kreditwürdigkeit betrifft. Nun ja…“ Es war das zehnte Gespräch, das Albrecht wegen dieser Idee führte, einer Geschäftsidee. Alle Banken, bei denen er sich bisher vorstellte, hatten sie nicht finanzieren wollen. Dieses war die letzte, bei der er es noch versuchen konnte. Er hatte extra seinen ältesten Sohn mitgenommen, um überzeugender zu wirken. „Schauen Sie“, unterbrach Albrecht den Sachbearbeiter. „Alles, was ich von Ihnen möchte, ist eine Anschubfinanzierung. Der Staat zahlt die Hälfte, meine Wohnung dient Ihnen als Sicherheit und in einem Jahr beginnt schon die Tilgung des Kredits. Es geht nur um ein paar Tausend.“

Der Sachbearbeiter verdrehte die Augen, wiegte den Kopf erst nach links, dann nach rechts. „Also gut. Was soll’s. Versuchen Sie’s!“ Er stand auf und schüttelte Albrecht die Hand. Endlich. Albrecht gründete eine Agentur, die Menschen über 50 als Berater in Unternehmen schickt. Als sein erstes Büro diente – wie klassisch – die Garage seiner Wohnung. Ein Interview mit ihm erschien in der lokalen Tageszeitung. Ein ganzer Reigen von Leserbriefen kommentierte die Idee sarkastisch.

Als Albrechts Agentur fünf Monate später 40 Fachkräfte vermittelte, lachte niemand mehr. Die freien Kräfte waren auf einmal gefragt und erhielten ein stattliches Gehalt. Bei den Firmen der Region sprach sich die Kompetenz der Fachleute wie ein Lauffeuer herum. Ganz neue Käuferschichten ließen sich damit erschließen, warb Albrechts Agentur. Es war sonderbar, wunderte er sich. Sobald er die Mitarbeiter „Consultants“ nannte, waren die Kunden plötzlich bereit, tausend Euro und mehr für Ihre Arbeit am Tag zu bezahlen.

Die Agentur expandierte bundesweit. Über Wochenendseminare schulte Albrechts Firma neues Personal für die wichtigsten Aufgaben. Dann schwärmte die Rentnerarmee aus. Sie unterwiesen die Forschungs- und Entwicklungs-Abteilungen darin, wie man Produkte kundenfreundlicher und barrierefrei erstellen konnte. Das Personal war hochmotiviert und erarbeitete sich schnell einen vortrefflichen Ruf. Albrecht brauchte keine Anfrage eines möglichen Kunden abzulehen – der Pool neuer möglicher Consultants war praktisch unerschöpflich. Nur wenn Unternehmen anfragten, die Albrecht seinerzeit als „überqualifiziert“ abgelehnt hatten, hatte er plötzlich unglaublich viel zu tun und war auf Monate hin ausgebucht.

Senior Consultants überall

Fünf Jahre später war aus der kleinen Garagenfirma ein Großunternehmen geworden. Solide geführt, aus eigener Hand und Marktführer in Europa. Zehn Jahre später war Albrechts Unternehmen Weltmarktführer, 10.000 gut bezahlte Senior Consultants (im wahrsten Sinne des Wortes) arbeiteten für ihn alleine in Deutschland. Und auch in diesem Land hatte sich etwas geändert. Technik war nicht länger etwas für verspielte Männer zwischen 20 und 40, sondern für jedermann. Alte Menschen saßen surfend im Café und posteten Statusupdates, organisierten Barcamps und waren vielfach die ersten in der Schlange, wenn ein neues Hightechprodukt in die Regale kam. Albrecht selbst hätte genug Geld verdienen können, um mehrfacher Multimillionär zu werden. Er begnügte sich mit einem kleinen Landhaus in Italien, das er bald mit seiner Frau bezog.

Wer ihm damals die Glasplatte zugeschickt hatte, weiß Albrecht bis heute nicht. Dass derjenige die Zeichen der Zeit erkannt hatte, scheint gewiss. Dass er damit ahnte, welche Revolution er heraufbeschwören würde, bestimmt nicht.

Fünfzehn Jahre nach der sanften Revolution, die er selbst ausgelöst hatte, übergab Albrecht seine Firma – ganz klassisch – seinem ältesten Sohn. Für ihn war es jetzt, mit 70, dann wirklich genug der harten Arbeit. Er würde der Technik weiterhin aufgeschlossen gegenüber stehen, so viel war klar. So wie für die Weiterentwicklung der Glasplatte von damals, die er nun in seinem Landhaus in Italien benutze, um sich auf dem Laufenden zu halten: ein kleines Gerät, das Neuigkeiten auf jede beliebige Oberfläche projiziert. Es tastet die Gesten des Anwenders ab und lässt sich gänzlich freihändig bedienen.

Die Wirtschaftsnachrichten interessierten Albrecht stets am meisten und so las er an diesem Morgen die Meldung „Insolvenz: Ferros AG wird zerschlagen“. Weiter im Text hieß es: „Die Firma klagte schon länger über ausbleibende Verkaufszahlen. Zuletzt waren Umsatz und Vorsteuergewinn drastisch eingebrochen. Analysten gehen davon aus, dass Ferros den boomenden Markt der kaufkräftigen, älteren Kunden zu lange ignoriert hat.“

Ein Lächeln ging über Albrechts Gesicht. Manchmal schien es ihm, als sei das alles nur ein Traum gewesen.

(Jürgen Vielmeier / Bilder: Senior Expert Service)